
Trotz relativ kontinuierlicher BIP-Wachstumsraten von ca. 6 % jährlich und auch einer steten Verbesserungen der meisten sozialen Indikatoren (wie z.B. der Kindersterblichkeit von Säuglingen und Kleinkindern oder der Einschulungsrate), gehört Bangladesch noch immer zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. So gelten 40 % der Bevölkerung als extrem arm, d.h. sie leben von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Ganze 80% der Bevölkerung müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Weniger abstrakt wird es, wenn man sich vorstellt, dass Millionen Menschen im Land drei bis sechs Monate im Jahr keine Arbeit und kein geregeltes ausreichendes Einkommen finden. Oft reicht es dann nicht für drei Mahlzeiten am Tag, sondern für zwei oder gar nur eine. Dabei ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität oft unzureichend. Fleisch, Fisch und hochwertiges Gemüse fehlen oft ganz, manchmal reicht es nicht einmal für den Reis. Dies hat sich mit den steigenden Nahrungsmittelpreisen zugespitzt: in der jüngeren Vergangenheit hat sich der Preis für Reis verdoppelt.
Mehrfach Benachteiligte wie Landarbeiter ohne Landbesitz, Kleinbauern, frauengeführte Haushalte (v.a. Witwen, Geschiedene), Menschen mit Behinderungen oder Angehörige ethnischer Minderheiten befinden sich am unteren Rand dieser ohnehin sehr armen Gesellschaft. In den Rand- sowie Grenzgebieten, v.a. in den Provinzen Barisal, Khulna und Rangpur, ist die Lage der Menschen besonders prekär.
Wenn auch die Datenlage nicht nur gesicherte Informationen liefert, kann man davon ausgehen, dass sich Bangladesch bei einigen Millenniumsentwicklungszielen auf einem guten Weg befindet.
So sieht die UN-Behörde die Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frauen (MDG 3) als erreicht an und hebt den hohen Anteil von Mädchen in der Primär- und Sekundarbildung hervor. Auch beim Rückgang der Kindersterblichkeit (MDG 4) konnten große Fortschritte erzielt werden, doch bis zum Ziel ist es noch ein weiter Weg. Das Ziel der Grundbildung für alle (MDG 2) ist zwar in quantitativer Hinsicht so gut wie erreicht, doch hapert es bei der Qualität: 70% der Kinder können auch am Ende der fünften Klasse weder lesen noch schreiben. Gründe sind der Mangel an qualifizierten, motivierten und ausreichend entlohnten Lehrern, zureichend ausgestatteten Schulen und einer Förderung der Kinder aus besonders armen Familien.
Das erste MDG-Ziel, die Verminderung von extremer Armut und Hunger, wird in Anbetracht der Zahlen der extrem Armen und der Unterernährten dagegen kaum zu erreichen sein. Die große Abhängigkeit des Landes von weltwirtschaftlichen Entwicklungen führte beispielweise während der Nahrungsmittelkrise 2008 dazu, dass 12,1 Mio. Bangladescher zusätzlich unter die Armutsgrenze gerieten (Berechnungen des CPD, Centre for Policy Dialogue). Die Lage die Gesundheit von Müttern betreffend (MDG 5) ist auch dramatisch- es stehen sich weiterhin hohe Sterblichkeitszahlen und eine geringe Zahl qualifizierter Geburtshelfer gegenüber.
Die Betrachtung der quantitativen Indikatoren sollte eine strukturelle Analyse nicht ersetzen oder Wechselwirkungen vernachlässigen. Beispielsweise hat der Klimawandel seine Spuren in Bangladesch hinterlassen: Die Versalzung der Böden, die von den Küsten ins Landesinnere vordringt, macht die Anbauflächen unnutzbar und Produktionsfortschritte der letzten Jahrzehnte werden zunichte gemacht.
Nach Schätzungen des Bangladesh Bureau of Statistics sind rund 40 Millionen Menschen dauerhaft fehlernährt. Die meisten dieser Menschen verfügen nur über die Ressource "Arbeitskraft". Durch staatliche Transferleistungen sollen die zur Verfügung stehenden Ressourcen zugunsten armer und verwundbarer Haushalte umverteilt werden. Einige dieser Transfers werden als Zahlungen geleistet, andere in Form von Reis oder Weizen bzw. an Arbeitsleistungen z.B. im Rahmen von "food for work" geknüpft. Bei dem Programm "Vulnerable Group Development", das ausschließlich arme Frauen als Zielgruppe hat, erhalten die Frauen zusätzlich eine Fortbildung. Ein anderes Programm fördert Kinder im Grundschul- und Sekundarstufe 1 Bereich. Sie bekommen Stipendien, die ihnen die Fortsetzung ihrer Schullaufbahn ermöglichen. Diese Ansätze verbinden Sozialleistungen mit entwicklungspolitischen Zielsetzungen. Leider ist auch Korruption bei diesen Sozialprogrammen ein Problem, so dass die Bedürftigen oft leer ausgehen und stattdessen diejenigen profitieren, die über Kontakte und Geld verfügen.
Die Armutsbekämpfung in Bangladesch wurde maßgeblich durch die Vergabe von Mikrokrediten umgesetzt. Besonders die Grameen Bank hatte eine Vorreiterrolle; mittlerweile haben zahlreiche im Land vertretende Nichtregierungsorganisationen diese Methode aufgegriffen. Durch die von ihnen vergebenen Kredite helfen sie, den jeweiligen Zielgruppen, Klein- und Kleinstunternehmen zu starten. Was allerdings oft durch die politisch gesteuerte Euphorie untergeht, sind die Schattenseiten solcher Kleinkredite: die Überschuldung der Kreditnehmer. Auch wirken Kredite, werden sie nicht mit anderen Maßnahmen kombiniert, den Ursachen von Armut nicht entgegen und bekämpfen auch keine asozialen Praktiken, wie z.B. die Mitgiftpraxis die Frühverheiratungen oder Kindes- und Frauenmisshandlungen. Die Arbeitsweise dieser Banken beschleunigt die Entsolidarisierung, z.B. werden Frauen bei Zahlungsproblemen oft aus der Kreditgruppe ausgeschlossen.
Die Fortschritte in der Entwicklung des Landes, die unbestritten erfolgt sind, gehen auch auf das Wirken der zahlreichen Nichtregierungsorganisationen im Land zurück. Sie erbringen bis heute wichtige, im Grunde staatliche Leistungen v.a. im Gesundheits- und Bildungssektor und erhalten dabei auch teilweise finanzielle Hilfen von ausländischen Gebern (z.B. Andheri-Hilfe) erhalten.
Die Regierung Bangladeschs und 18 Entwicklungspartner haben in einer Joint Cooperation Strategy (2. Juni 2010) gemeinsame Grundsätze ihrer Arbeit definiert. Sie haben sich dabei auch auf die Paris-Deklaration von 2005, in der es um die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit geht, und den diese ergänzenden Aktionsplan von Accra (2008) bezogen.
Bei den unterzeichnenden Partnern handelte es sich unter anderem um die Asiatische Entwicklungsbank, um Australien, Kanada, Dänemark, die EU, Deutschland. die Islamische Entwicklungsbank, Japan, Südkorea, Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien, UN, USA und die Weltbank.
Diese staatlichen Geber (vor allem vertreten durch die "big four" - Weltbank, ADB, Japan und DFID) werden ergänzt durch viele renommierte internationale Nichtregierungsorganisationen, die ihren Sitz und ihre Wirkungsstätte in Bangladesch haben (u.a. Oxfam, Enfants Du Monde und HEKS).
Bangladesch ist ein Schwerpunktpartnerland der deutschen EZ. Die bilaterale Unterstützung beläuft sich seit der Unabhängigkeit auf Zusagen von insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro. Auch ist Deutschland im Rahmen von multilateralen Unterstützungen wie die durch die Weltbank, die Asiatische Entwicklungsbank oder die EU beteiligt, so dass, diese berücksichtigt, die Zusagen auf rund 4,5 Milliarden Euro steigen.
Deutschland legte bereits 2006 drei Schwerpunkte der bilateralen Zusammenarbeit fest:
- Gesundheit, Familienplanung, HIV/AIDS-Bekämpfung
- Energieeffizienz und erneuerbare Energien
- Gute Regierungsführung, Menschenrechte und kommunale Entwicklung.
In Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, sind die beiden großen deutschen Durchführungsorganisationen GIZ und KfW vertreten. Außerdem werden Fachleute der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe (BGR) entsendet, die Bangladesch beim Ausbau des Energiesektors unterstützen.
Dr. Martin Peter Houscht
Dr. Martin Peter Houscht
Projektreferent Bangladesch/ Nordostindien,
Webmaster
Tel: 0228/ 926 525 35
mp.houscht@andheri-hilfe.org