

Karunalaya: inspirierende Arbeit vieler Menschen
Ein Projekt wie Karunalaya ist nicht einfach nur eine Organisation, deren Angestellte dann ihren Job erledigen wie in einem beliebigen Unternehmen.
Diese Organisation lebt vor allem von ihren Mitarbeitern, die weitaus mehr als einen Job erledigen, die das Ziel des Projekts mit Leib und Seele verfolgen und leben.
Kumaresan, der “Heimaufseher” oder eher: die vaeterliche Seele des children centre
Kumaresan, Vater und Ehemann, Aufseher der Kinder von Karunalaya.
Er ist derjenige, der rundum die Uhr bei den Kindern ist, immer anwesend, immer ansprechbar mit zwei jederzeit offenen Ohren. Er bringt ihnen das Benehmen bei, achtet auf die Einhaltung der Regeln, ist fuer die Jungs da, haben sie etwas auf dem Herzen oder hat es Streitereien gegeben. Das Ganze in einer bemerkenswert ruhigen Art und Weise, mit einer warmherzigen Ausstrahlung und Guete. Ich habe nie zuvor jemanden mehr fuer Andere geben sehen als ihn.
Er hat eine Frau und Kinder, die im selben Viertel leben. Er sieht sie jedoch nur selten, der Kontakt findet ueberwiegend telefonisch statt. Er wohnt im Heim und lebt die vaeterliche Rolle. Nachts schlaeft er oft sitzend auf einem Plastikstuhl vor dem Zimmer der Kinder; nur falls etwas sein sollte.
Sitzt einer der Jungs weinend in der Ecke, ist er meist der erste, der troestend die Situation regelt.
Jede Einzelne seiner Gesten scheint mir von tiefstem Herzen gut gemeint.
Er lebt fuer dieses Heim, fuer die Kinder und traegt einen grossen Teil zur familiaeren Atmosphaere bei. Eine bewundernswerte Selbslosigkeit.
Und er ist nicht der Einzige im Team:
Ranganathan war einst selbst ein Strassenjunge. Nun arbeitet er als street worker fuer Karunalaya, baut enge Beziehungen zu den Kindern auf, hat vor allen Anderen im Blick, wann welcher Junge zurueck nach Haus kann und moechte. Montags bis Samstags, von morgens bis spaet abends – nicht selten auch ueber Nacht – ist er im Einsatz im Heim, auf der Strasse, bei den Familien der Kinder, und dabei im Umgang mit den Kids herzzerreissend liebevoll.
Balasubramaniyan, ebenfalls Aufseher
Auch Bala lebt im centre.
Er nimmt die Kids auf wenn sie ankommen, verbringt Zeit mit ihnen, spricht mit ihnen, schlaeft jede Nacht in ihrer Mitte auf dem Boden. Und er hat es nicht leicht – sein rechtes Bein ist nicht funktionsfaehig, er kann kaum gehen.
Den Jungs ist in ihren Gesichtern die Freude abzulesen, wenn Bala mit ihnen herumalbert.
Um hiermit nur 3 ausgewaehlte der vielen Menschen zu nennen, die sich fuer dieses Projekt mit Herz und Seele engagieren.
Es ist inspirierend mitzuerleben, wie sie alle jeden Tag aufs Neue mit solcher Energie bestreiten und ihr Leben diesem Projekt widmen.

22. Mai 2011 : Zurück nach Hause, hier bleiben oder fliehen ...
Karunalaya ist kein klassisches Kinderheim. Es ist kein dauerhaftes “Zuhause” fuer die beherbergten Kinder. Ohne Frage bietet es eine sehr heimisch häusliche Atmosphäre und auch materiell mehr als die Kinder brauchen.
Dennoch ist es eine vorübergehende Unterkunft für Strassenkinder und Kinderarbeiter. Die Jungs können so lang bleiben wie sie möchten. Das Ziel ist jedoch immer, die Kinder zurück in ihre Familien zu bringen sobald dies möglich ist und sie es wünschen; oder aber die Jungs so auf das Leben vorzubereiten, dass sie auf eigenen Beinen stehen, studieren, arbeiten können.
Im Augenblick sind hier in Südindien Schulferien, was Anlass dazu gibt, verstärkt daran zu arbeiten zwischen den Kindern und ihren Familien zu vermitteln.
Ranganathan, der “Vermittler”, ist beinahe ununterbrochen im ganzen Land unterwegs. Auf der Suche und im Gespräch mit den Familien. In letzter Zeit können immer mehr Jungs zurück nach Haus gebracht werden. Sie sind aufgeregt, sichtlich fröhlich, aber auch traurig, die anderen Jungs zu verlassen.
Es herrscht eine unruhige Stimmung dieser Tage. Es wird viel mit den Jungs gesprochen. Einige wollen nach Hause, andere nicht. Viele können aus den verschiedensten Gründen (noch) nicht.
So konnten ihre Familien noch nicht aufgefungen werden, diese können sich das Kind derzeit nicht leisten oder aber die Verhältnisse sind so schlimm, dass es für die Kids unzumutbar wäre, sie zurückzubringen. Einige Familien wollen ihr Kind, aus unterschiedlichen Beweggründen, gar nicht zurück in der eigenen Familie sehen.
Für all die Jungs, die heim möchten, aber nicht können sind es besonders schwierige Wochen. Sie werden vermehrt von den umgebenden Freunden verlassen, die lange Zeit ihre Lebensgenossen waren. Selbst haben sie Angst vor dem, was passiert. Können sie jemals wieder nach Haus?
Vielleicht haben sie sogar Angst davor, zurück in die Familien zu gehen. Vielleicht wollen sie auch einfach nur frei sein. Welche Gründe es auch sind – sie veranlassen einige Jungs dazu, die Flucht zu ergreifen.
“Sister, two boys escape today. Jeeva and Prabash escape.”
Es ist jedes Mal ein Schock, die Nachricht einer Flucht der Kids zu erhalten.
In den meisten Fällen handelt es sich um Jungs, die erst einige Tage oder Wochen hier sind.
Diesmal aber sind es Jeeva und Prabash. Seit ca. 5 Monaten bei Karunalaya.
Zwei der vorbildlichsten, vernünftigsten, aber auch lebhaftesten und fröhlichsten Kinder hier. Unvorstellbar, dass sie nun wieder draussen, allein, auf sich selbst gestellt sind. Ein Stich ins Herz.
Es sind 2 dieser Jungs, von denen ich es am allerwenigsten erwartet hätte.
Beide unheimlich clever, witzig, höflich, zutraulich und voller Perspektiven, wenn sie die nötige Unterstuetzung haben.
Prabash genoss unter den Mitarbeitern so viel Vertrauen, dass er ironischerweise immer den “watchman” vertreten hat, um aufzupassen, dass keines der Kinder abhaut...
Die Vergangenheit, die Schicksale, die tatsächlichen Gefuehle, vor allem die Ängste der Jungs sind teilweise so komplex, dass auch alle Mühe, alles Reden und Vermitteln, der alltägliche Spass und sämtliche hier gebotene Unterstützung mit all den Perspektiven vergeblich sind.
Nun sind die beiden Jungs also wieder allein da draussen – womöglich auf der Strasse.
Es fällt mir momentan noch schwer, auch nur eine Minute nicht an sie zu denken.
Man kann nur hoffen und ihnen wünschen, dass diese zwei cleveren und anständigen Jungs sich schon irgendwie durchschlagen werden.
Anfang Mai 2011 - Eine Ankunft mit unzählbaren Eindrücken
Karunalaya Social Service Society – Center for Street and Working Children:
Ich habe gerade eine 23-stündige Zugfahrt nach einer wunderschönen, aber sehr anstrengenden 6-wöchigen Reise durch Indien hinter mir.
Eigentlich bin ich sogar zu müde, um mein Gepäck aus der Rikshaw zu laden, die mich soeben absetzt.
Aber all meine Müdigkeit und Trägheit verfliegt vollkommen als sich die Pforte öffnet von Karunalaya – einem Heim für derzeit ca. 35 Straßenkinder und Kinderarbeiter in Chennai, das ich für die nächsten 4-5 Monate unterstützen werde.
Eine ganze Schar von fröhlich lachenden Kindern kommt mir entgegen. 3 Jungs nehmen mir sofort das Gepäck ab, alle weiteren tummeln sich um mich, jeder der Jungen schüttelt mir die Hand und begrüßt mich mit einem jubelnden „Welcome, sister!“
Das Lauf-Spiel, das gerade noch auf dem Hof des Geländes stattfand, wird unterbrochen und die neue große Schwester darf erst einmal ausgefragt werden – teils mit Händen und Füßen und zum Teil in fließendem Englisch, das einige der Jungen überraschend gut beherrschen.
Später werde ich direkt von den Kindern angeleitet „Come sister – 7:30 Dinner time“ und „No sister, no shoes inside the room“. Ich bekomme einen Teller, setze mich in den Kreis der Jungs und werde noch mit einem herzerwärmenden „willkommen-in-unserer-Familie-Lied“ besungen.
Wie ich, ganz im typisch indischen Stile, mit den Fingern esse, werde ich ebenfalls sofort gelehrt.
Nach den ersten 5 Tagen, die ich nun bereits hier im Heim bin, hat sich mein erster Eindruck keinesfalls widerlegt.
Die Kinder sind hilfsbereit, höflich, voller Energie und voll Freude im Umgang miteinander.
Es wird gespielt, gelesen, gerannt, gelernt und einfach Spaß gelebt, so wie es ein jedes Kind verdient hat.
Schaut man sich die spielenden Kinder an, ist es kaum vorstellbar, dass sie zum Teil noch vor wenigen Wochen von morgens bis abends hart arbeiten mussten, allein auf der Straße lebten oder am Straßenrand haben Drogen verkaufen müssen.
Jeder dieser Jungen trägt sein eigenes hartes Schicksal mit sich.
Umso schöner ist es, zu sehen mit welcher unschuldigen Leichtigkeit die Jungs hier bei Karunalaya ihren Alltag verbringen können.
Gina Buchwald ( ehrenamtliche Mitarbeiterin der Andheri-Hilfe Bonn )