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Andheri-Hilfe Bonn

Kommen Sie mit nach Bangladesch ! /Teil 1

Elvira Greiner berichtet von Ihrer Projektreise – Februar 2012

Der erste Teil der Reise führt uns in den Südwesten des Landes: über Faridpur und Bagerhat bis in die Sunderbans. Hier will ich mir selbst einen Eindruck davon verschaffen, ob – wie viele sagen – der Klimawandel “hier bereits angekommen ist”.

Es ist mühsam, das Projektgebiet unseres Partners AKK zu erreichen: Zunächst geht es per Auto von der Hauptstadt Dhaka nach Faridpur….

… vorbei an den rauchenden Schornsteinen der vielen Ziegelbrennereien, ….

… bis zum Flussufer. 

Von hier aus nehmen wir das Boot, um überzusetzen auf die “Chars”, die Schwemmlandinseln. Viele von ihnen waren vor 15, 20 Jahren noch Teil des Festlands. Doch die jährlichen Überflutungen werden immer schlimmer; Immer mehr Boden wird fortgerissen. North Channel Char z.B. ist heute  nur noch in einer fast einstündigen Bootsfahrt zu erreichen. Gab es vor 15 Jahren, als dies noch Teil des Festlands war, hier Strom und Schulen, sogar eine High School – so ist dies alles heute in den Fluten verschwunden.

So ist denn auch das einzige Transportmittel auf den Chars der Pferdekarren – fuer manchen auch eine bescheidene Einkommensquelle.

Das Ueberleben hier ist jeden Tag eine Herausforderung : ein wenig Landwirtschaft auf sandigen Boeden, ein paar Ziegen oder Kuehe,….  

Besonders schwer ist es in der Regenzeit, wenn der Fluss bestenfalls noch einige Wohnhuetten auf winzigen Inseln trocken laesst.  Falls nicht, werden Floesse aus Bananenstauden gebaut, um zunaechst das Vieh – den wertvollsten Besitz - zu retten. 

Nur wenn es gar nicht mehr geht verlassen die Menschen ihre Dörfer – voller Sorge, ob sie nach der Flut noch irgend etwas von ihrer Habe – oder überhaut das Land, auf dem sie gelebt haben -  wiederfinden werden.

Reicht das Geld nicht für wenigstens einen Ochsen oder ein Pferd, dann spannen sich die Menschen selbst “unter das Joch” – und zum Beschweren sitzt hier inmitten der wahnsinnigen Staubwolke ein kleines Maedchen auf dem Brett, mit dem das neue Feld für die erste Aussaat vorbereitet wird.

Eines wird sehr deutlich: Hier müssen sich die Menschen schon heute an die Folgen des Klimawandels anpassen: Die Überflutungen werden häufiger und schlimmer.  

Wir unterstützen die ärmsten Familien dabei, ihre Wohnhütten, Tierställe und Lagerräme höher zu legen: auf mindestens 2,74 m. Das hätte bei allen bisherigen Überflutungen ausgereicht.

Gleichzeitig sind die Menschen hier auch bereit, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten (auch wenn sie keineswegs die grössten Verursacher des Klimawandels sind!): Mit unserer Starthilfe bauen sie Biogasanlagen (so wird Brennholz gespart und damit weitere Abholzung reduziert. Zudem ist dies ein ganz wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit der Frauen, die dann beim Kochen nicht mehr den beissenden Rauch einatmen müssen). Der Tausch von rußenden Kerosinlampen gegen helle Solarlampen ist hier ebenso wichtig. Ausserdem bringt das helle Solarlicht neue Moeglichkeiten, am Abend noch produktiv tätig zu sein. 

Auf North Channel Char treffe ich auch die 19-jährige Rebecca. Vor 10 Jahren noch hätte sie hier die weiterführende Schule besuchen können. Doch die gibt es nicht mehr: Sie wurde von den Fluten fortgerissen. Doch Rebecca hat ihre Chance genutzt und in unserem Projekt eine 6-monatige Ausbildung zur Näherin gemacht.

 

Mit Hilfe eines Kleinkredits kaufte sie ihre eigene Nähmaschine. Das Geschäft läuft gut. Heute hat sie sogar ihre Schwester und eine weitere junge Frau aus dem Dorf angestellt. Mit ihrem Einkommen hat sie ihrem Bruder den Aufbau eines Teestands ermöglicht. Ein neues (Wellblech-) Haus konnte für die Familie gebaut werden. 

Rebecca (2. von links) mit ihren Eltern und zwei ihrer Schwestern (die älteste mit ihrem Baby).

Es ist ein bescheidenes Leben in unseren Augen. Aber die Familie hat genug zu essen und ein Haus, das bei einer “normalen” Flut noch aus dem Wasser ragt. Unsere Starthilfe war hier gut investiert!

Ein eindrucksvoller Tag auf den Chars, den Inseln im grossen Padma, neigt sich dem Ende entgegen.  Wir machen uns auf den Rückweg nach Faridpur. Doch die Familien, die uns an diesem Tag einen Einblick in ihr Leben gewährt haben, bleiben hier – solange es ihre Heimat noch gibt. 

Und morgen geht es weiter an die Südwestküste, in die Sunderbans, diese einzigartigen Mangrovenwälder zwischen Flussmündungen und Meer. Sie liegen nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel. Wie wirkt sich hier der Klimawandel aus?

Teil 2: Ein Leben mit Tigern, Krokodilen und weiteren Bedrohungen

Fortsetzung des Bangladesch-Berichts von Elvira Greiner, Februar 2012

 

 

Das Satellitenbild zeigt den Wald im Nationalpark. Sundarbans erscheinen tief grün, im Norden umgeben von landwirtschaftlichen Flächen, die heller grün erscheinen.

 

Die Sunderbans im Südwesten von Bangladesch sind die grössten Mangrovenwälder der Erde. Hier, wo im Mündungsdelta die grossen Flüsse Ganges, Brahmaputra und Meghna ineinander übergehen  – zwischen Salz- und Süsswasser, zwischen Ebbe und Flut - beheimaten sie eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Ein grünes Paradies!

 

 

Die Pflanzen hier haben sich an diese einzigartige Umgebung perfekt angepasst: Die Wurzeln der nur hier beheimateten Sundari-Bäume ragen wie Speere aus dem Boden und versorgen die Bäume auch bei Überflutung mit Sauerstoff. 

 

 

Die Menschen leben zwar nicht in den Mangrovenwäldern – das wäre zu gefährlich – aber sie leben zum Teil von diesem einzigartigen Ökosystem: Sie fischen vor der Küste….

 

 Fischer vor der Küste

  

 

… sie ernten Golpata-Blätter. Das sind grosse Palmblätter, aus denen die Dächer für die einfachen Hütten geflochten werden. Sie sammeln auch wilden Honig. Doch dies alles bedeutet Lebensgefahr. Die Krokodile verschmähen nämlich auch keine Menschenbeute. 

 

 

Als wir diesem etwa 9 m langen Exemplar bis auf wenige Meter nahe kommen, bin ich schon beruhigt, dass wir uns auf einem soliden Boot befinden – dazu in Begleitung eines Wildhüters.

Eben jener Wildhüter berichtet, dass er hier schon mindestens dreissig Tiger gesehen hat. Und in der Tat: Gleich neben unserem Weg sehen wir frische Tigerspuren.

Unsere bangladeschischen Begleiter beginnen ein Lied zu singen – zur Beruhigung oder um dem Tiger zu signalisieren, dass hier gerade zu viel Betrieb ist. Ich, die ich die Tiger nur aus dem Zoo kenne, bin wahrscheinlich zu unbedarft, um Angst zu haben. Doch in der Tat sterben hier in den Sunderbans jedes Jahr mehr als 100 Menschen durch Tiger. Hier sind sie ganz klar die Herrscher.

Die Sundarbans sind von ausserordentlicher Bedeutung für den Schutz der Küsten. Doch wenn der Meeresspiegel nur um einige Handbreit ansteigt, dann wird dieses Ökosystem verschwunden sein. Die weitaus grösste Bedrohung hier sind somit nicht die wilden Tiere, sondern der Klimawandel. Ist er – wie vielfach behauptet – wirklich schon sichtbar?  Immer wieder wurde die Region von Überflutungen oder Wirbelstürmen heimgesucht. Doch die Häufigkeit und das Ausmass der grossen Katastrophen nehmen zu. Der Wirbelsturm Sidr hat im November 2007 furchtbare Schäden angerichtet. Etwa ein Viertel des Baumbestandes wurde beschädigt.

 

3.000 Menschen starben, Zehntausende verloren alles. Am schlimmsten betroffen waren wie immer die Allerärmsten, deren einfache Hütten dem Sturm nicht standhalten konnten.

 

 

Eine von ihnen ist Kobita: Sidr hat ihre Hütte zerfetzt, das Gemüsefeld überflutet, der Fischteich zerstört. Ihr Mann hat den Schock nie verwunden, ist seitdem psychisch krank, kann kaum noch arbeiten. Kobita war es, die die Hütte wieder aufbaute, das Feld wieder instand setzte, sich um die beiden kleinen Kinder kümmerte. Dann kam 2009 Wirbelsturm Eila: 1 ½ Monate lang stand alles unter Wasser. “Das war noch schlimmer als nach Sidr”, sagt Kobita. Und wieder musste sie die Starke sein. Zum Glück war sie zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied einer Frauengruppe in unserem Projekt. Hier fand sie Rückhalt. Hier erhielt sie ein zinsloses Darlehen zum Wiederaufbau ihrer Hütte und zur Instandsetzung von Feld und Fischteich. Hier erhielt sie eine Ausbildung zur Näherin. Gemeinsam übten die Frauen so lange Druck auf den Gemeinderat aus, bis endlich der Deich gebaut wurde, der ihr Dorf vor der nächsten Flut schützen kann.  

Kobati arbeitet hart. Nichts ist ihr zuviel, Hauptsache, ihre beiden Kinder koennen zur Schule gehen. Ich bin sicher: Sie schafft das!

 

Rina Rani (rechts) mit einer Schwangeren.

Rina Rani, eine Hinduwitwe mit vier Töchtern, beeindruckt mich nicht minder. Als ihr Mann schwer krank wurde und verstarb, verheiratete sie in ihrer Not die beiden ältesten Maedchen mit gerade mal 14 Jahren. Doch im Rahmen unseres Projektes machte sie eine Ausbildung zur Hebamme. Zu Fuss durch die grünen Felder dürfen wir sie zum Hausbesuch bei einer Schwangeren begleiten. 

Rina Rani hat inzwischen schon viele Frauen während Schwangerschaft und Geburt beigestanden; Frauen, die sonst keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung hätten. 

Und was ist Rina Rani’s grösster Wunsch? Dass ihre beiden jüngeren Töchter die Schule besuchen und anschliessend eine Ausbildung oder ein Studium machen können.

 

Rina Rani’s jüngste Tochter.

Wenn ich diese mutigen Menschen hier erlebe, dann weiss ich: Unsere Starthilfe ist hier gut investiert! Mag es auch Stimmen geben, die sagen, Bangladesch ist ein “verlorenes Land”, so halte ich dagegen: Es ist ein wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen. Und jeder von ihnen verdient eine Chance, in seiner Heimat zu überleben!

Doch wie lange wird es diese Heimat noch geben? Werden die Sunderbans nicht streng geschützt, steigt der Meeresspiegel weiter an oder werden Flutkatastrophen noch häufiger und stärker, dann wird tatsächlich ein grosser Teil dieses kleinen, wunderschönen Landes im Wasser versinken…..

Fortsetzung folgt: Es geht zurück zur Hauptstadt Dhaka und von dort in den Südosten des Landes, nach Chittagong.

Teil 3: "Wird meine Tochter wieder sehen können?"

Fortsetzung des Reiseberichts aus Bangladesch, Februar 2012

Wird meine Tochter wieder sehen können?

Das ist die bange Frage von Momena Akter, die ich heute hier im Chittagong Eye Infirmary and Training Complex (Augenhospital mit Ausbildungszentrum) treffe.

 

Mutter Momena mit ihrer Tochter Shahena auf dem Arm – beim Kind sieht man die getrübte Linse.

  

Die kleine Shahena ist zwei Jahre alt. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Er verstarb, als die Mutter schwanger war. Seitdem lebt Momena bei ihren Eltern und ihrer Schwester, die in einer Textilfabrik schuftet und damit quasi die ganze Familie ernährt. Momena hatte also schon Sorgen genug, bevor ihr kleines Mädchen wenige Tage nach der Geburt rote, tränende Augen bekam. Sie brachte die Kleine zu einem Heiler, der Augentropfen verschrieb. Doch davon schwollen die Augen furchtbar an. Die Mutter wartete ab, hoffte. Erst nach drei Wochen brachte sie das Mädchen schliesslich in die Augenklinik. Sie hatte nicht gewusst, dass sie – so arm wie sie ist – hier kostenlose Behandlung erhalten kann. Der Zustand der Augen war damals sehr kritisch. Die Ärzte verschrieben Medikamente und sagten, sie müssten die Kleine jetzt regelmässig sehen. Doch für die Mutter war das kaum machbar. So kam sie erst nach gut einem Jahr wieder, heute. Das linke Auge der Kleinen ist schwer von der Erkrankung betroffen, die Hornhaut stark eingetrübt. Aus der anfänglichen Entzündung hat sich ein Geschwür entwickelt, welches die Hornhaut zerstört hat. Jetzt kann nur noch eine Hornhauttransplantation helfen. Doch es gibt viel zu wenige Spender….

 

Farsana wurde von einem Pfeil am Auge verletzt

 

Farsana hat mehr Glück gehabt: Beim Spielen wurde ihr rechtes Auge von einem Pfeil verletzt, doch die Hornhaut konnte gerettet werden. Allerdings hat sich jetzt – aufgrund dieser Verletzung – ein Grauer Star entwickelt. Für Farsana, deren Eltern ebenfalls sehr arm sind, wird diese Operation kostenlos sein.

 

 

Hassan schläft noch in den Armen seiner Mutter Rohima Begum. Gestern ist er operiert worden. Er hatte einen Tumor im Auge – bösartig. Das Auge musste herausgenommen werden. Doch die Ärzte hoffen, dass der Krebs damit besiegt ist.

Der vierjährige Kamrul tobt ganz fröhlich auf dem Krankenhausbett. Morgen wird er operiert, doch das ist ihm sicher noch nicht klar. Seine Mutter ist erleichtert, dass jetzt endlich etwas geschieht: Im Auge des Kleinen war ein weisses Gewebe gewuchert. Das Sehen wurde damit zunehmend schwieriger für den Jungen.  Doch die Ärzte konnten sie beruhigen: Es ist ein gutartiges Gewebe, das leicht entfernt werden kann. Schon in wenigen Tagen wird Kamrul wieder ganz normal sehen können.

Welch ein Segen, dass wir vor drei Jahrzehnten diese Augenklinik hier aufgebaut haben, in der auch schwierigste Operationen möglich sind, in welchem zudem die Augenärzte und Fachpflegekräfte ausgebildet werden, ohne die diese Arbeit gar nicht möglich wäre!

Daneben unterstützen wir Basis-Augenhospitäler, die jeweils eine ganze Region mit augenärztlichen Dienstleistungen versorgen. Sie sind zudem die wichtige Ausgangsstation fuer die Eye-Camps oder Screening-Camps, die in der ländlichen Region stattfinden:

Ärzte und Pfleger fahren auch in entlegende Dörfer oder auf Inseln, um dort die Patienten zu untersuchen, zu behandeln und vielfach gleich vor Ort zu operieren. So bringen wir diese fachärztliche Versorgung zu den Menschen, die den weiten Weg in die Stadt nie schaffen wuerden. In langen Schlangen warten bis zu 1.000 Patienten. Ich bin wieder einmal beeindruckt von der Organisation einer solchen Grossaktion – und von der Effizienz der einheimischen Ärzte und Pfleger, die hier  so viele Augenkranke behandeln, die an einem Tag (mit 3 Ärzten) ca. 60 Patienten operieren – mit einer Erfolgsquote von 99 %!

Behandlung und Heilung sind wichtig, keine Frage. Doch mindestens ebenso wichtig ist die Vorsorge. In der Schule in Mirasarai findet heute ein Sehtest statt: Die Kinder stehen diszipliniert in der Reihe.

Der erfahrende Augenkrankenpfleger fuehrt den Sehtest durch.

Wird eine Sehschwäche festgestellt, so erhält das Kind die passende Brille. Ist eine weitergehende ärztliche Behandlung notwendig, so wird es an das nächste Augenhospital oder die Klinik in Chittagong überwiesen.

Früherkennungsuntersuchungen bei Kleinkindern, Aufklärung der Eltern von gesunder Ernährung über Impfungen bis zur Familienplanung sind wichtige Bausteine unseres Programms.

Was mich ausserordentlich freut: Die gemeinsamen Anstrengungen von bangladeschischer Regierung und Nichtregierungsorganisationen – einschliesslich Andheri-Hilfe – tragen Früchte: Sowohl die Zahl schwer unterernährter Kinder als auch die Zahl der Erblindungen bei Kindern ist deutlich zurückgegangen! Das Impfprogramm der Regierung – ergänzt um Vitamin-A-Gaben an alle Kinder unter sechs Jahren - erreicht z.B. ca. 95 % (manche sagen sogar 99 %) aller Kinder.

Bangladesch ist auf einem guten Weg, die Gesundheit der Kinder zu verbessern und vermeidbare Blindheit zu reduzieren. Wir leisten dabei einen wichtigen Beitrag. Dafür bin ich in diesen Tagen immer wieder dankbar!

Und wir machen uns jetzt auch wieder auf den Weg: in die Chittagong Hill Tracts, einen ganz besonderen Teil dieses schönen Landes. Kommen Sie in Kürze mit dorthin……

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                   

 

Ihre Ansprechpartnerin

Elvira Greiner
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