

Als Pugalvani geboren wurde, schien ihr Leben vorgezeichnet. Viele Kinder, die in der kleinen Siedlung in der Nähe der indischen Millionenstadt Chennai leben, brechen die Schule ab, um in den staubigen Steinbrüchen der Region Steine zu klopfen. So tragen sie zum Lebensunterhalt der Familie bei. Heute ist sie 18 Jahre alt und studiert Elektronik und Kommunikation. Nachmittags gibt sie in der Dorfschule Förderkurse für 25 Schülerinnen und Schüler.
Pugalvani ist die erste der vier Töchter der Familie, die nach der Schule ein Studium begonnen hat. “Es ist nicht leicht für meine Eltern, die hohen Studiengebühren aufzubringen. Mein Vater arbeitet als Fahrer, meine Mutter wenn möglich hier im Steinbruch”, erklärt die Studentin.
Obwohl Indien ein aufstrebendes Schwellenland ist, gelten dort 450 Millionen Menschen als extrem arm, so viele wie sonst in keinem anderen Land der Erde. Das ist ein Drittel aller extrem Armen weltweit. In der Region um Chennai (früher: Madras) im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu arbeitet die indische Organisation Cholai mit den Menschen, um ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. “Die Cholai-Mitarbeiter haben uns – nicht nur uns Kindern, sondern auch unseren Eltern – immer wieder erklärt, wie wichtig eine gute Schulbildung ist; dass dies überhaupt die einzige Chance ist, später ein besseres Leben zu führen als das hier im Steinbruch”, erzählt Pugalvani.
In 30 Siedlungen in den Steinbrüchen bei Chennai hat Cholai sogenannte Kinderparlamente eingerichtet, in denen die Belange der Kinder Gehör finden. In der Region gehen heute mehr als 1.000 ehemalige “Kinderarbeiter” zur Schule und werden dank der Unterstützung von Freiwilligen wie Pugalvani gefördert. Pugalvani gibt nach ihren Universitätskursen als freiwillige Förderlehrerin weiter, was sie an Hilfe erfahren hat. Sie erinnert sich: “Wir haben damals das erste Kinderparlament gegründet. Das war ganz neu und spannend, besonders als ich zur Bildungsministerin gewählt wurde. Meine Aufgabe war es dafür zu sorgen, dass alle 55 Kinder des Kinderparlaments regelmäßig zur Schule gingen, dass sie Hilfe bei den Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen erhielten, dass sie regelmäßig einen ganz kleinen Betrag sparten und dass sie ihre Talente, zum Beispiel zeichnen, Theaterspielen, singen oder tanzen, entwickeln konnten.“
Millenniumsentwicklungsziele (MDG) : Die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (UN), darunter auch Deutschland, haben im Jahr 2000 beschlossen, bis 2015 acht Ziele zur Armutsbekämpfung umzusetzen. MDG 2 legt fest, dass bis zum Jahr 2015 alle Kinder weltweit eine Grundschulbildung vollständig abschließen können. Derzeit haben 69 Millionen Kinder weltweit keinen Zugang zu Bildung.
Das Projekt von Cholai wird von der Andheri-Hilfe unterstützt.
Das Bild und die Geschichte von Pugalvani sind Teil der Reihe “Deine Stimme ist unser Joker”. Von Mitte April bis Mitte Juni 2011 erscheint jede Woche eine Geschichte von jungen Menschen aus Deutschland und aus armen Ländern, die konkret und mit einfachen Mitteln in ihrem Umfeld Einsatz zeigen gegen die weltweite Armut. Was ist Dein Einsatz?