
Wir unterstützen unsere Partnerorganisation Rajpipla Social Service Society, die im westindischen Bundesstaat Gujarat seit Jahrzehnten für die Rechte und Organisation von Ureinwohnern - sog. Adivasi - eintritt, mit einem neuen Pilotprojekt: ein integriertes Ausbildungsprogramm für junge Adivasi. Motivierte Ureinwohner mit Schulausbildung sollen gezielt als lokale Entwicklungsfachkräfte ausgebildet und in "ihren" Dörfern tätig werden. Dieses neue Projekt ist eng verknüpft mit der laufenden Arbeit unseres Partners in Hunderten von Dörfern, die wir bereits seit Jahren unterstützen. Unser Partner klärt die Ureinwohner über ihre Rechte auf, bietet kostengünstige Rechtsberatung an und unterstützt laufende Prozesse. Mitarbeiter gehen in die Dörfer und stärken die kulturelle Identität der Bevölkerung und leisten soziale sowie politische Aufklärungsarbeit.

Die Stammesangehörigen leben in extremer Armut, werden von anderen Volksgruppen stark ausgebeutet und sind zunehmend zur Zielscheibe fanatischer Hindufundamentalisten geworden. Immer wieder mussten sie ihr angestammtes Land verlassen und ihre Menschenrechte werden mit Füßen getreten. Wie ein roter Faden zieht sich die Thematik der Land- und Nutzungsrechte in Waldgebieten durch die Arbeit der letzten Jahre. Vier Jahre lang haben zivilgesellschaftliche Gruppen in Indien - insbesondere Organisationen der Ureinwohner - mit großem Engagement für ein neues Gesetz zur Anerkennung ihrer Waldrechte (sog. forest bill) gekämpft. Meist besitzen sie keine Papiere für das ihnen rechtmäßig zustehende Land, so dass sie immer von der Vertreibung ihres oft seit Generationen bewirtschafteten Landes bedroht waren. Aufklärungskampagnen, Theatervorstellungen und Dorfversammlungen wurden organisiert. Die Ureinwohner wurden mobilisiert, an zahlreichen Kampagnen, Sitzstreiks und Anhörungen aktiv teilzunehmen. Der Zusammenschluss von 43 Adivasi-Organisationen in Gujarat "Adivasi Mahasabha Gujarat" - geleitet von unserem Partner- spielte eine führende Rolle bei der politischen Lobbyarbeit zur Formulierung und Durchsetzung des neuen Gesetzes auf Bundesstaats- und nationaler Ebene.
Die Verabschiedung der Gesetzesvorlage zur Anerkennung von Waldrechten durch das nationale Parlament im Dezember 2006 war ein Meilenstein für die Stammesangehörigen sowie andere traditionelle Waldbewohner. Es ist eine entscheidende Voraussetzung zur Sicherung ihrer Lebensgrundlagen und Ernährung. Unzählige Adivasi wurden in der Vergangenheit aus ihren angestammten Waldgebieten vertrieben. Sei es durch so genannte Entwicklungsprojekte wie den Bau von großen Staudämmen, den Abbau von Bodenschätzen oder die Konkurrenz durch Siedler. Oft wurden die Ureinwohner unter dem Vorwand des Naturschutzes von Forstbehörden und anderen Lobbygruppen gezwungen, ihr Land zu verlassen, nicht selten gewaltsam. Das neue Gesetz garantiert jetzt nicht nur den offiziell anerkannten Stammesangehörigen (sog. Scheduled tribes) sondern auch anderen Bevölkerungsgruppen, die traditionell in und von Waldgebieten leben wie nomadische Viehhalter, einen Anspruch auf Landrechte und die nachhaltige Nutzung von Waldressourcen. Die Dorfversammlung "Gram Sabha" soll in Anhörungen über Rechte und Nutzung entscheiden.
Allerdings dauerte es ein weiteres ganzes Jahr bis das Gesetz mit konkreten Ausführungsvorschriften tatsächlich in Kraft trat. Wieder gegen starke Widerstände von verschiedensten mächtigen Lobbygruppen. Erneut hat sich die Rajpipla Social Service Organisation gemeinsam mit den betroffenen Adivasi mit zahlreichen Aktionen für das Gesetz und sinnvolle Ausführungsvorschriften eingesetzt. Jetzt muss die betroffene Bevölkerung über die genauen Inhalte und Konsequenzen des Gesetzes informiert werden. Selbsthilfeorganisationen in den Dörfern müssen aufgebaut und gestärkt werden, damit sie ihre Rechte z.B. gegenüber korrupten Forstbehörden, die sie weiterhin drangsalieren, durchsetzen können. Die Dorfversammlungen müssen fortgebildet werden, um ihre wichtige Funktion erfolgreich wahrnehmen zu können. Lokale Führungspersönlichkeiten (Frauen, Jugendliche und Männer) bzw. Leiter der Selbsthilfeorganisationen sollen aus- und fortgebildet werden, damit sie den Entwicklungsprozess in ihren Dörfern eigenständig weiter führen können. Und die Gesetzeslage und politische Lage muss weiterhin aufmerksam verfolgt werden. Diese Arbeit unterstützen wir bereits.

Für die Dorfarbeit mangelt es allerdings immer wieder an qualifizierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowie Freiwilligen aus der Reihe der Adivasi selbst. Junge, engagierte und professionell ausgebildete Adivasi, die mit der Kultur und den lokalen Verhältnisse vertraut sind, können die Aufklärungs- und Bildungsarbeit am effektivsten machen. Die Adivasi selbst sollen ja den Entwicklungsprozess in die eignen Hände nehmen und vorantreiben. Und sie müssen auch ihre Anliegen in der indischen Gesellschaft vertreten können. Nur so kann Entwicklung nachhaltig gestaltet werden. Aber es fehlen nicht nur ausgebildete Ureinwohner, sondern auch geeignete Ausbildungsmöglichkeiten. Bestehende Ausbildungen sind sehr akademisch und vermitteln kaum praktische und entwicklungsrelevante Fähigkeiten. Fr. Xavier, der Leiter der Rajpipla Social Service Society, hat deshalb ein maßgeschneidertes Ausbildungsprogramm für lokale Entwicklungsfachkräfte entworfen. Das Curriculum in integrierter Entwicklungsarbeit umfasst entwicklungsrelevantes Wissen und Motivation genauso wie die Vermittlung von Analyse- und Planungsfähigkeiten, Computer- und Englischkenntnisse, Persönlichkeitsentwicklung sowie Einzel- und Gruppenarbeit. 40 Studenten werden anderthalb Jahre von zahlreichen Experten in enger Zusammenarbeit mit dem Adivasi-Netzwerk in Gujarat unterrichtet und betreut.
Ein weiteres innovatives Element ist der Wechsel von theoretischem Unterricht mit praktischer Dorfarbeit und deren enge Verzahnung. Einer Woche Theorie folgen drei Wochen im Dorf. Der Unterricht bereitet auf die konkrete Arbeit vor und reflektiert diese hinterher. Bei der praktischen Arbeit werden die Studenten ebenso betreut und begleitet wie in den Phasen des Theoriestudiums. Die Dorfarbeit wiederum ist integriert in die laufende Projektarbeit unserer Partnerorganisation, d.h. die Studenten leisten einen direkten Betrag, Selbsthilfeorganisationen der Adivasi aufzubauen und zu stärken, damit sie den Entwicklungsprozess eigenständig weiter führen können. Oder sie bilden die Menschen aus, dass sie ihr Recht auf Land in die Tat umgesetzten können. Die Studenten arbeiten eng mit den Projektmitarbeitern der Dorfentwicklungsprogramme zusammen. Koordiniert wird die Arbeit durch regionale Zentren für Rechtshilfe und Gemeinwesen- bzw. Entwicklungsarbeit.
80 junge Menschen sollen in drei Jahren ausgebildet werden und in insgesamt 800 Dörfern arbeiten. Pro ausgebildeten Adivasi werden dafür umgerechnet 1675 Euro benötigt. Die Andheri-Hilfe freut sich, dieses Pilotprojekt neben der Arbeit in zahlreichen Dörfern des so genannten "tribal belt" unterstützen zu können. Und wir freuen uns über Ihre Unterstützung!
Barbara
von Hillebrandt-Jung
Projektreferentin Südindien, Westindien
Tel: 0228/ 926 525 32
barbara.hillebrandt@
andheri-hilfe.org