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Andheri-Hilfe Bonn

Andhra Pradesh: Zwei starke Frauen - eine Erfolgsstory

Sayed Vaheedha ist Muslimin. Muslimin im stark hinduistisch dominierten Indien, genauer gesagt in Nallella, einem Dorf im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Als solche war sie dazu erzogen, das Haus möglichst nicht zu verlassen, sich zu verschleiern, sich ihrem Mann unterzuordnen und ansonsten so unauffällig wie möglich zu leben.

Im Jahr 2000 begann die Lodi Multipurpose Social Society mit Unterstützung der Andheri-Hilfe die Frauen in ihrem Dorf zu organisieren. In regelmäßigen Gruppentreffen wagten sie es erstmals, die Ursachen ihrer Armut zu hinterfragen. Sie begannen auch, kleinste Beträge zu sparen, um sich im Notfall untereinander mit Kleinkrediten aushelfen zu können. So wurden sie vom Geldverleiher unabhängig. Das gefiel auch Sayed's Mann. Er erlaubte ihr, zu den Treffen zu gehen, d.h. genauer gesagt, ihren Sparbeitrag zur Gruppe zu bringen. Danach musste sie - ohne an der Versammlung teilnehmen zu dürfen - sofort nach Hause kommen. Aber nach und nach schaffte sie es doch, mehr Kontakt zur Frauengruppe aufzubauen. Sie setzte sich schließlich durch und nahm an verschiedenen Seminaren teil. Sie zeigte immer stärker ihre Führungsfähigkeiten. Nach einigen Jahren wurde sie sogar zur Gruppenleiterin gewählt. Inzwischen war ihr Selbstbewusstsein stark genug, dass sie sogar durchsetzte, auch an Treffen auf Kreisebene teilzunehmen. Schließlich sah ihr Mann auch mit eigenen Augen, welche Veränderungen (positiver Art!) vor sich gingen - bei seiner Frau, in der Gruppe, im Dorf. Er traute seinen Augen kaum, als er sah, dass seine Frau es sogar wagte, mit politischen Führern auf Dorf- und sogar auf Kreisebene die wichtigen Anliegen des Dorfes vorzubringen. Sayed war es schließlich, die durchsetzte, dass im Dorf endlich Abwasserleitungen gelegt und eine Straße gebaut wurden! Sie setzte sich auch dafür ein, dass die Frauen Geld von der Regierung erhielten, um kleine Einkommensprojekte zu realisieren. Wen wundert es: Alle Frauen des Dorfes stimmten bei der letzten Gemeinderatswahl für ihre Kandidatin, für Sayed! Und sie gewann die Wahl! Sayed ist die erste Frau, die je den Vorsitz im Gemeinderat innehatte. Und dabei ist sie Muslimin in einem von Hindus dominierten Dorf! Doch die Dorfgemeinschaft hat erkannt, dass dies nicht das ausschlaggebende Kriterium ist. Für sie ist Sayed die Frau, die sich mit großem Engagement und Durchsetzungswillen dafür einsetzt, dass sich in Nallella endlich etwas verändert - zum Guten!

Bibil Sultana gehört zu einer der allerärmsten Familien im Dorf Shanigapuram im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Sie hat zwei Kinder. Ihr Mann verdient den Lebensunterhalt als Fahrer einer gemieteten Auto-Rikscha - wenn er denn fahren kann. Oft ist er krank, kann nicht arbeiten. Die Miete für die Rikscha ist trotzdem fällig. Es bleibt nur der Gang zum Geldverleiher. Dabei wissen sie, dass dessen Wucherzinsen sie ruinieren. Bibil versucht zu helfen, ein wenig mitzuverdienen auf den Feldern der reicheren Bauern. Doch es gibt nicht immer Arbeit. Der Hunger ist oft zu Gast bei Familie Sultana.

 

Aber dann erfährt Bibil von dem neuen "Frauen-Enwicklungsprojekt", welches die Andheri-Hilfe auch in ihrem Dorf fördert. Sie ist gleich dabei, als die erste Frauengruppe sich organisiert. Kleinste Beträge muss sie regelmäßig sparen. Das ist natürlich sehr hart für sie, aber sie spürt: Dies ist der einzig mögliche Ausweg aus ihrer Misere. Sie nimmt auch an verschiedenen Fortbildungsprogrammen teil. Unter anderem lernt sie, dass Milchkuhhaltung eine lukrative Einnahmequelle sein kann. Schließlich beantragt sie einen Kleinkredit von ihrer Frauengruppe. Damit kauft sie ihre erste Kuh! Sie zahlt den Kredit in kleinen Raten zurück und verdient trotzdem noch etwa 800 Rupien im Monat. Das sind etwa 15 Euro im Monat - für eine Familie, die bislang von etwa einem Euro/Tag leben musste, ein ganz schöner Betrag! Davon spart Bibil Monat für Monat eine kleine Summe, nimmt dann den zweiten Kredit von ihrer Gruppe - für die zweite Kuh. Jetzt verdient sie schon 2000 Rupien (37 Euro)/Monat, denn der Kredit für die erste Kuh ist ja bereits bezahlt. Sie hat den Ehrgeiz, alle alten Schulden beim Geldverleiher abzutragen. Ein wunderbar erleichterndes Gefühl, als die letzte Rate getilgt ist! Gleich schmiedet Bibil neue Pläne: Sie spart für den dritten Kleinkredit. Damit kauft sie eine Auto-Rikscha für ihren Mann. So kann auch er ein weit besseres Einkommen erzielen, als wenn er täglich Miete zahlen muss. Selbst wenn er manches Mal krank ist und nicht fahren kann, erwirtschaftet er im Monat jetzt etwa 3.000 Rupien (55 Euro). Bibil hat unterdessen die nächste Geschäftsidee: Ihr Mann fährt jetzt in der näheren Umgebung von Dorf zu Dorf, bietet seine Taxidienste an und gleichzeitig sammelt er bei den einzelnen Familien die Milch ein und bringt sie zur Milchgenossenschaft. Ein hervorragendes Geschäft! Inzwischen hat sich die Familie ein kleines, aber festes Haus bauen können. Sie haben fünf Milchkühe und haben genügend Einkommen für eine ausreichende Ernährung. Vor allem können sie auch ihre zwei Kinder zur Schule schicken. Bibil ist zum Vorbild für viele Frauen in Shanigapuram und weit darüber hinaus geworden!

 

Andheri-Hilfe hat dieses Projekt von 2000 - 2006 unterstützt.

Und das wurde unter anderem erreicht:

In 45 Dörfern haben sich 4.525 Frauen in 306 Gruppen organisiert.
Gemeinsam haben sie inzwischen 6.035.240 Rupien gespart (mehr als 100.000 Euro).
Sie haben von der Regierung und lokalen Banken inzwischen mehr als 155.000 Euro an Zuschüssen und günstigen Darlehen mobilisiert. 90 % der Frauen in diesen Gruppen konnten sich bereits gänzlich von den Geldverleihern und ihren Wucherzinsen befreien.
Die Dorfbewohner haben bereits in vielen Fällen erfolgreich gegen soziale Probleme wie Kinderhandel und Kinderheiraten eingegriffen.
Die Gesundheitssituation der Dorfbewohner hat sich deutlich verbessert. Die Impfrate bei Kindern liegt jetzt bei 100 %. Es hat in den letzten drei Jahren keinen neuen Fall von Kinderlähmung mehr gegeben. Die Dorfbewohner sind sich heute der Gefahr von AIDS bewusst, setzten sich aber auch bewusst für die Betreuung der bereits 90 Erkrankten aus ihren Dörfern ein.
820 Kinderarbeiter konnten in Brückenkurse aufgenommen und inzwischen eingeschult werden.
10 Frauen wurden als Vorsitzende der Gemeinderäte, weitere 96 Frauen als Mitglieder der Gemeinderäte gewählt.
In jedem Dorf gibt es heute ein "Village Development Committee", ein Dorfentwicklungskomitee.
Diese Komitees haben sich in 3 Föderationen auf Kreisebene zusammengeschlossen, da sie erfahren haben, dass sie gemeinsam stark sind.
Die Gruppen, Komitees und Föderationen werden den Entwicklungsprozess in den 45 Dörfern weitertragen - ohne dass unsere Unterstützung notwendig ist. Wir haben unser Ziel erreicht: Die Menschen schaffen es allein!
Möglich waren solche Erfolge nur, weil so viele Menschen an einem Strang gezogen haben: vor allem die Dorfbewohner selbst, dann auch die Projektmitarbeiter vor Ort, wir von der Andheri-Hilfe und unsere Spenderinnen und Spender, die die notwendige Starthilfe gegeben haben. Vielen Dank!

Ihre Ansprechpartnerin

Elvira Greiner
 
Erste Vorsitzende


Tel. 0228/ 926 525 33
 elvira.greiner@no-spam.andheri-hilfe.org