
Ein Kindesmord wird verhindert. Ein junges Mädchen wird von Misshandlung befreit. Das sind Schlagzeilen aus einem Erfolgsbericht. Einem Bericht über ein "Projekt zur Förderung der Frauen in 45 Dörfern im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh". Andheri-Hilfe unterstützte das Projekt sechs Jahre lang (2000 - 2006). Die einst ausgebeuteten und unterprivilegierten Frauen - meist Angehörige von Ureinwohner-Stämmen oder Kastenlose - wurden zu selbstbewussten Kämpferinnen. Sie haben eine umfassende und nachhaltige Entwicklung in ihren Dörfern in die Hand genommen.

Dies ist die Geschichte von Sunitha. Sunitha ist ein 13-jähriges Mädchen aus dem kleinen Dorf Kesya Thanda. Sie besuchte die Schule bis zur dritten Klasse. Aber die finanzielle Situation ihrer Eltern wurde immer kritischer. Sie waren dankbar, als ein Geschäftsmann aus Hyderabad ins Dorf kam und ihnen einen Kredit anbot. Die Rückzahlung der Raten sein kein Problem, erläuterte er. Ihre Tochter könne dafür in seinem Haushalt arbeiten. Sunithas Tage waren fortan gefüllt mit Waschen, Putzen, Bügeln - von Tagesanbruch bis spät in die Nacht. Sie wurde schlecht behandelt, oft geschlagen, damit sie schneller arbeite. Aber sie litt nicht nur körperlich, sondern vor allem auch seelisch. Misshandelt, missachtet und völlig allein in dieser Millionenstadt, weit vom heimatlichen Dorf und dem eigenen Stamm entfernt. Eines Tages traf sie durch Zufall einen Angehörigen ihres eigenen Stammes, mit dem sie endlich wieder einmal in ihrer Sprache sprechen konnte. Er half ihr, zu den Eltern zurück zu finden. Aber diese wollten Sunitha wieder zu dem Geschäftsmann zurück bringen, weil sie ihm doch Geld schuldeten. Die Frauengruppe erfuhr von der Problematik und überredete Sunithas Eltern, sie nicht zurück zu schicken. Wie zu erwarten, erschien der Geschäftsmann schon bald im Dorf und forderte seine Arbeitskraft sofort zurück - oder sein Geld. Die Frauengruppe zwang den Mann, das Dorf zu verlassen. Die Frauen entschieden, sich gemeinsam des Mädchens anzunehmen. Sie beglichen die Schulden und meldeten sie für einen Nähkurs an. Endlich hat Sunitha eine Zukunftsperspektive.
Gujali Thanda ist ein Ureinwohner-Dorf im Bezirk Kuravi. Dort lebt auch Banoth Shanthi. Vor fünf Jahren heiratete sie einen Mann aus einem Nachbardorf. Als erstes Kind gebar sie eine Tochter. Auch das zweite Kind war ein Mädchen. Ihr Mann tobte. Er wollte endlich männlichen Nachwuchs. Er schrie seine Frau an und schlug sie immer häufiger. Als auch das dritte Kind ein Mädchen war, verstieß der Mann sie. Shanthi hatte keine andere Wahl, als zu ihrer Mutter zurück zu kehren, um mit ihren Kindern in deren Hütte zu leben. Doch diese wusste nicht, wie sie ihre Tochter und drei kleine Kinder ernähren sollte - von den Sorgen um die späteren Mitgiftforderungen ganz zu schweigen. In ihrer Not versuchte sie, das neugeborene Mädchen zu töten. Die Frauengruppe erfuhr davon und informierte die Projektmitarbeiter. Sie organisierten sofort eine Dorfversammlung. Ohne einen speziellen Namen zu nennen, erläuterten sie ganz allgemein den Wert eines Mädchens, sprachen über Geschlechtergleichberechtigung und forderten die Teilnehmer auf, Jungen und Mädchen gleich Wert zu schätzen und zu behandeln. Doch Shanthis Mutter sah immer noch keinen Ausweg. Sie versuchte nun, das Mädchen zu verkaufen. Die Projektverantwortlichen und der Dorfrat erfuhren zum Glück rechtzeitig davon und nahmen sich des Falles an. Abermals organisierten sie eine Dorfversammlung und thematisierten die Problematik dieses Mal ganz konkret. Die Dorfgemeinschaft sagte Unterstützung zu und überzeugte die Familie, vom Verkauf des Mädchens abzusehen. Shanthi und ihr Ehemann wurden ermutigt, gemeinsam einen Neuanfang zu wagen. Mit der Unterstützung der Dorfgemeinschaft gelang dies und noch mehr: Heute wird jedes Kind in Gujali Thanda geachtet - gleich ob Junge oder Mädchen!
Dieses Projekt (I-109-19) war - wie alle Projekte der Andheri-Hilfe - auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Heute brauchen die Bewohner in diesen 45 Dörfern unsere Hilfe nicht mehr. Sie führen die positive Entwicklung aus eigenen Kräften fort.

Elvira Greiner
Erste Vorsitzende
Tel. 0228/ 926 525 33
elvira.greiner@andheri-hilfe.org