Kampagne gegen Tempelprostitution
Neues Leben für Tempelprostituierte Die "Mathammas", die Frauen, die bereits als Mädchen der Göttin Mathamma geweiht wurden, sind heute in ihren Dörfern geachtet - sofern sie im Distrikt Nellore (im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh) leben. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren sogar geheiratet. Und im Frühjahr 2004 haben sogar zwei von ihnen für das indische Parlament kandidiert! Mathammas werden sie genannt, Devadasis, Joginis oder Basivinis - je nach Region. Eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie wurden als Kinder einer Göttin geweiht und müssen seit ihrer Pubertät allen höherkastigen Männern sexuell zur Verfügung stehen. Tempelprostitution nennt man das. Die Weihe eines Mädchens - einst gedacht, um die Gnade der Götter zu erflehen, gerade in Notsituationen - haben die Menschen daraus einen unheilvollen Brauch entwickelt. Wer sich nicht wehren kann, das sind die Mädchen, die späteren Mathammas und dann wieder ihre Kinder. "Kinder der Götter" werden diese genannt, kann doch keiner sagen, wer der leibliche Vater ist. Diese "Kinder der Götter" werden auf bitterste verachtet, bespuckt, geschlagen - niemand will sie in ihrer Nähe sehen. Und genauso ihre Mütter: Sie stehen dem Volksglauben nach der Göttin besonders nahe, "vertreten" sie bei religiösen Festen und Zeremonien. Das hält aber niemanden im Dorf davon ab, diese Frauen auszugrenzen, zu diskriminieren Wie kann eine solche jahrhundertealte Tradition bekämpft werden? Herr Vengaiah von der Organisation DUTIES war fest entschlossen, dieses Übel anzupacken. 1997 sagten wir unsere Hilfe zu. Einerseits ging es darum zu verhindern, dass neue Mädchen zu "Mathammas" geweiht wurden und andererseits um Rehabilitationsmöglichkeiten für die Tempelprostituierten. Der Anfang war sehr schwer. Unser Partner stieß auf vehementen Widerstand in der Bevölkerung: sein Haus wurde angezündet, sein Trinkwasserbrunnen vergiftet. Rückhalt seitens der Polizei kam nur zögernd: Die meisten Beamten kannten nicht einmal das Gesetz, welches die Tempelprostitution verbietet. Ein ganz wichtiger Ansatz war und ist daher die Bewusstseinsbildung unter der Bevölkerung: Niemand hat das Recht - und schon gar nicht im Namen einer Göttin - das Leben von jungen Mädchen und Frauen auf diese Weise zu zerstören. Was ist erreicht worden von 1997 - 2007? Die jahrelange harte Arbeit hat Früchte getragen: Heute wird in diesem Distrikt kein Mädchen mehr der Göttin geweiht. Die Dorfbewohner haben sich gegen die Tempeltänze entschieden. Für die Frauen, die früher in diesem "Gewerbe" arbeiteten, konnten wir Alternativen schaffen: Sie haben kleine Läden eröffnet, eine Ausbildung zur Näherin gemacht o.ä. Von der Regierung erhielten sie Unterstützung für kleine, einfache Häuser. Die Frauen haben sich in Gruppen zusammen geschlossen: Hier können sie offen über ihre Situation und ihre Schwierigkeiten sprechen und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen. Inzwischen gibt es sogar Frauengruppen, in denen die ehemaligen Tempelprostituierten gemeinsam mit anderen Dorffrauen zusammen sitzen - eine Revolution! Und genau so revolutionär ist die Tatsache, dass eine ganze Reihe dieser "Mathammas" inzwischen heiraten und eine eigene Familie gründen konnten.
Auch für die "Dappus und die Kommus", die Musiker und die Trommler, werden Alternativen eröffnet: Sie, die früher bei den Tempelfesten gut verdienten, haben jetzt weniger Aufträge in diesem Bereich. Nach entsprechender Ausbildung werden sie aber zunehmend zu privaten Feiern wie Hochzeiten usw. eingeladen. Dieses Bündel an Maßnahmen in 550 Dörfern kann natürlich nicht mehr von einer einzigen, dazu noch recht kleinen, Organisation vor Ort realisiert werden: In dieser Phase des Projektes haben sich 9 lokale Nichtregierungsorganisationen (alle geleitet von Dalits = Unberührbaren) zusammengeschlossen. Gemeinsam können sie noch mehr erreichen, davon sind sie überzeugt - und wir ebenfalls! Wir sind glücklich zu sehen, wie sich dieses erfolgreiche Projekt ausdehnt, wie immer mehr "Mathammas" menschenwürdig leben können und dass jungen Mädchen heute dieses Schicksal erspart bleibt. Eine Frau ist aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt. Lesen Sie auch Zwei Schicksale
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