
In Indien ist es trotz boomender Wirtschaft, einer wachsenden urbanen Mittelschicht und zahlreicher Fortschritte vor allem im wissenschaftlich-technischen Bereich bisher nicht gelungen, das gewaltige Wohlstandsgefälle zu entschärfen: Noch immer leben knapp zwei Drittel der 1,2 Mrd. Menschen in Armut, davon rund 400 Millionen unter der absoluten Armutsgrenze (das Wachstum steigt, die Armut bleibt!). Auch wenn die Ernährungssituation seit den 1970er Jahren erheblich verbessert werden konnte, bleibt die Unter- und Fehlernährung vornehmlich in den ländlichen Gebieten ein gravierendes Problem. Laut dem FAO Welthungerindex waren 2010 knapp ein Viertel der Bevölkerung (und 46 % der Kinder!) in Indien mangelernährt. Nach Angaben von UNICEF sterben in Indien jährlich 2,1 Millionen Kinder vor dem fünften Lebensjahr. Schätzungsweise 40 Millionen Kinder müssen hauptsächlich auf dem Land harte Arbeit leisten, da das Einkommen vieler Bauernfamilien nicht zum Überleben ausreicht. So bleiben ihnen Schul- und Berufsausbildung verwehrt. In keinem anderen Land der Erde sterben so viele Menschen an Unterernährung oder an Krankheiten. So stand Indien im Jahr 2010 bei dem "Human Development Index" nur auf Rang 119 von 169.
Die Massenarmut hängt natürlich auch mit der traditionellen Sozialstruktur, dem Kastensystem, zusammen. Es ist kein Zufall, dass die sogenannten Unberührbaren (scheduled castes) und die Stammesbevölkerung (Adivasi, offiziell scheduled tribes) nicht nur sozial, sondern auch ökonomisch am untersten Ende stehen. Aus Not beuten die Menschen die natürlichen Ressourcen wie Wasser oder Wald immer weiter aus - mit weitreichenden Umweltschäden. Dazu kommt, dass die Auswirkungen des Klimawandels bereits heute spürbar sind: längere Dürrezeiten, unberechenbarere Regenfälle, Überschwemmungen. Davon besonders betroffen ist der Landwirtschaftssektor, von dem rund 70% der Bevölkerung abhängen.
Auch Frauen sind in der patriarchalisch geprägten indischen Gesellschaft trotz der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau nach wie vor benachteiligt. Noch immer werden hohe, Brautgelder von den Eltern des Bräutigams verlangt, obwohl sie gesetzlich untersagt sind. Die Mitgiftproblematik trägt dazu bei, dass Mädchen meist geringere Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen als Jungen oder gar als unerwünschte Belastung gelten. So kommen nach der jüngsten Volkszählung 2011 unter den 0 bis 6-Jährigen auf 1000 Jungen nur 914 Mädchen.
Die schlechten Lebensbedingungen im ländlichen Raum veranlassen viele Menschen in die Städte abzuwandern (Landflucht). Dabei sind die wuchernden Metropolen des Landes kaum in der Lage, ausreichend Arbeitsplätze für die Zuwanderer zur Verfügung zu stellen. Das hat dazu geführt, dass fast ein Drittel der Einwohner der Millionenstädte in Slums lebt.
Dennoch bietet Indien als lebendige Demokratie mit einer starken Zivilgesellschaft erhebliche Entwicklungsperspektiven. In den letzten Jahren wurden Gesetze verabschiedet, die jedem Bürger Mitsprachemöglichkeiten eröffnen. So war der "Right to Information Act" ein wichtiger Schritt nach vorne, weil er die teilweise ineffizienten bzw. korrupten Behörden zu mehr Transparenz zwingt. Auch die umfangreichen Regierungsprogramme und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung, wie z.B. der "National Rural Employment Guarantee Act" bieten für die wirtschaftlich und sozial diskriminierten Bevölkerungsgruppen Chancen ihr Leben zu verbessern, vorausgesetzt sie werden in die Lage versetzt, diese Gesetze und Programme zu nutzen und ihre Rechte als gleichberechtigte Bürger voll wahrzunehmen. Das bietet gute Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Arbeit der Andheri-Hilfe.
Wichtig ist auch, Indiens politische Bedeutung für die Weltgemeinschaft zu sehen. Vom BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) wird es als "Ankerland" bezeichnet: "Ankerländer spielen auf der Grundlage ihres wirtschaftlichen Gewichtes und des politischen Einflusses in ihren Regionen sowie zunehmend auch global eine wachsende Rolle in der Gestaltung internationaler Politiken - wie auch bei der Erreichung der Millenium Development Goals. Ihnen kommt bei der Bekämpfung menschlicher Armut, dem Streben nach einer globalen nachhaltigen Entwicklung, der Sicherung von Frieden und Stabilität sowie in Fragen der Global Governance und dem Schutz globaler öffentlicher Güter eine Schlüsselrolle zu."
Dr. Wolfgang Massing
Barbara von Hillebrandt-Jung
Projektreferentin Südindien, Westindien
Tel: 0228/ 926 525 32
barbara.hillebrandt@
andheri-hilfe.org
Heike Kluve
Projektreferentin Südindien
Tel: 0228/ 926 525 32
heike.kluve@andheri-hilfe.org
Dr. Anke Hünninghaus
Projektreferentin Nordindien, Südindien
Tel: 0228/ 926 525 34
anke.huenninghaus@
andheri-hilfe.org