
Ausstellung in Bonn zeigt Aufnahmen des Fotografen Roger Richter
Holiyamma war zwölf. Es sollte ihr Tag werden - und ihre Mutter kleidete sie mit einem neuen Sari ein. Zusammen mit anderen Mädchen führte sie ein Priester zum Tempelteich, um sie der Göttin Uchangamma zu weihen. Doch Ansehen und der Respekt blieben aus. Stattdessen begann für das Mädchen in der folgenden Nacht der Horror. "Ich habe vergessen, mit wie vielen Männern ich gezwungen wurde, zu schlafen", sagt die heute 45-Jährige.
Der Lebens- und Leidensweg von Holiyamma und anderen zur Tempelprostitution gezwungenen Frauen in den südindischen Bundesstaaten Karnataka, Tamilnadu, Maharashtra und Andhra Pradesh ist Thema der Foto-Ausstellung "Als Göttin verehrt - als Frau missbraucht", die bis zum 8. Mai im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu sehen ist. Sie zeigt Gesichter von Missbrauchsopfern, die der Fotograf Roger Richter für die ebenfalls in der Bundesstadt ansässige Entwicklungsorganisation Andheri-Hilfe mit seiner Kamera festhielt. Gemeinsam mit dem Museum will die Andheri-Hilfe auf das Schicksal der so genannten Devadasi aufmerksam machen - und auf ihren Kampf gegen den in der indischen Kastengesellschaft verwurzelten Kult der Tempelprostitution.
Ursprünglich wurden Devadasi der Göttin Mathamma geweiht. Als "Sklavinnen" der Gottheit versahen die Frauen Tempeldienste, indem sie etwa für den Blumenschmuck sorgten und für die Tempelgottheit tanzten. Über Jahrhunderte genossen sie für indische Frauen außergewöhnliche Privilegien, besaßen Einkommen und Ackerland, konnten lesen und schreiben lernen. Ausgebildet in Gesang, Tanz und Dichtung waren sie Träger der Künste.
Doch von dem einstigen Ideal einer mystischen Verbindung von Gott und Mensch ist heute nicht mehr viel übrig. Mit der Erweiterung des Gottesbegriffs auf den Königshof wurden aus den "Sklavinnen des Gottes" die Sklavinnen der mächtigen und reichen Männer. Die Frauen verloren ihre Rechte und wurden zu Prostituierten degradiert.
Jährlich werden nach Angaben der nationalen Frauenkommission in Indien allein in den Bundesstaaten Maharashtra und Karnataka über 200 000 Mädchen Tempelgöttinnen geweiht. Die Andheri-Hilfe versucht mit einheimischen Partnerorganisationen gegen den Kult anzugehen, der in Indien seit 1988 offiziell verboten ist.
Was diese Perversion der Tradition bedeutet, hat Holiyamma am eigenen Leib erfahren. "Ich wurde gemieden, meine Freundinnen wollten nicht mehr mit mir spielen." Und: "Männer behandelten mich als Freiwild."
Alle Informationen zur Ausstellung im Internet:
www.rlmb.lvr.de