Der Blog zur aktuellen Indien-ProjektreiseSnehidi - Freundschaft Wir sind mit einer kleinen Gruppe nach Indien geflogen, um einige Projekte der Andheri-Hilfe zu besuchen und kennen zu lernen. Die Gruppe besteht aus (alles netten!) Freunden, Förderern und Multiplikatoren der Andheri-Hilfe. Außerdem sind (ebenfalls nette) Leute dabei, die im Internet zufällig auf diese Reise gestoßen sind und die Andheri-Hilfe vorher nicht kannten. Warum verzichten die Mitreisenden auf ihren sonstigen erholsamen Jahresurlaub „egal wohin“ und investieren viel Zeit und Geld in diese Reise? Ich glaube,
Der erste Tag (Ankunft in Chennai/Südindien) diente der "Akklimatisation" und wir haben uns erstmal an alles Neue herantasten müssen/dürfen. Die Luft, drückend schwül und immer geschwängert von irgendwelchen Gerüchen (immer welche, die man nicht kennt), ist an jeder Ecke anders. Die Stadt (über 7 Millionen) ist voll von Menschen. Vieles spielt sich auf den Strassen ab, Mensch und Maschine (Motorräder, Motor-Rikschas, Busse, Autos, Fahrräder, LKW,…) kämpfen immer hupend um den besten Platz auf den Strassen. Am 2. Tag besuchen wir eine Organisation, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt, die als Hausangestellte arbeiten. Nach dem Ausstieg aus unserem Bus werden wir mit einer indischen Begrüßungszeremonie empfangen: Einige Frauen trommeln, andere gehen mit einer Rauchschale um uns herum, segnen uns und bestreichen unsere Stirn mit roter Flüssigkeit. Dann hängen sie uns einen bunten Schal um. Man spürt sofort: Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft sind echt, man freut sich, dass wir da sind! Die Frauen berichten uns aus ihrem Leben und von den Problemen als Hausangestellte und von ihren gemeinsamen Erfolgen: Sie wurden noch vor wenigen Jahren von ihren Arbeitgebern extrem ausgebeutet, geschlagen und oft vergewaltigt und hatten keine Chance, sich irgendwie zu wehren. Kurz: Sie lebten in sklavischen Verhältnissen! Dazu kommt, dass die Löhne so extrem niedrig waren, dass sie teils 2-3 Stellen hatten, um über die Runden zu kommen. Sie alle, die hier sind und viele mehr (es sind mittlerweile über 2000 in über 84 Slums und 23 Dörfern!), haben sich mithilfe der Organisation „Zentrum für Frauen-Entwicklung und -förderung“ in Frauengruppen organisiert. Sie alle wollten Rechte haben gegenüber ihren Arbeitgebern und schafften es, eine eigene Gewerkschaft zu gründen: Sie fordern gemeinsam vom Staat eine Anerkennung ihres Berufes! Wenn es eine Anerkennung als Berufsstand gibt, „wird sich auch jemand von der Regierung um unsere Belange kümmern müssen“, so die Frauen. Außerdem werden sie dann bspw. ein Recht auf Krankenversicherung, Rente und Urlaub haben.
Dazu singen sie uns ihr Lied "Kommt zusammen, kämpft zusammen", denn sie wissen, dass sie nur gemeinsam ihre Rechte einfordern können. Viele der Frauen haben sich mit Kleinkrediten ein kleines Business aufgebaut, um unabhängiger von ihren Jobs als Hausangestellte zu werden: Zehn Frauen haben zusammen eine "Bäckerei" aufgemacht. Sie backen Brot und Kekse, die sie an kleine Geschäfte oder direkt an Privatpersonen verkaufen. Für den Ofen, Formen und erste Rohstoffe wie Mehl und Zucker mussten sie einen Kredit in Höhe von 1000 Euro aufnehmen. Nach 7 Monaten war der Betrag zurückgezahlt und die 10 Frauen haben alle einen guten Zusatzverdienst, der sie unabhängiger von ihren Jobs macht. Andere Frauen stellen in kleinem Rahmen Scheuerpulver her, füllen es in gebrauchte und gereinigte Plastikflaschen ab und kleben neue/einfache Papier-Etiketten drauf.
Wir sehen am Nachmittag, wie sie leben und was sie sich aufgebaut haben: Wir fahren in einen Slum. Ich bin geschockt und beeindruckt zugleich: Geschockt vom Gestank, der wie ein Blei über dem Slum liegt. Die Abwässer rinnen träge durch die Strassen und sammeln sich in einem nahe gelegenen „Fluss“. Dieser verdient eher den Namen Kloake und er nimmt einem den Atem. Geschockt bin ich vom Anblick der Strassen und der Tatsache, dass es im gesamten Slum lediglich eine Toilette gibt, die ebenfalls von weitem erkennbar ist: am Gestank!
Beeindruckt bin ich von der Haltung der Frauen, die uns ihre von innen sauber gefegten Hütten zeigen. Ihre Kleider sind trotz der Armut ordentlich und sie strahlen Stolz, Würde und Selbstbewusstsein aus. Sie berichten uns, dass sie verzweifelt waren, bevor sie sich mit anderen Frauen zu Gruppen organisiert haben. Sie standen allein gegen ihre ausbeutenden Arbeitgeber und gegen ihre Männer (vielfach dem Alkohol verfallen), von denen sie häufig geschlagen wurden. Jetzt tauschen sich die Frauen aus und helfen sich gegenseitig. Ihre Töchter (zwischen 12 und 20 Jahre) haben sich in der Organisation „Snehidi“ (Freundschaft) organisiert. Einige von ihnen sitzen uns gegenüber und berichten ganz offen von ihren Gruppen. Sie strahlen uns an, lachen und sind unglaublich stolz, von sich erzählen zu können. Über 1000 Mädchen treffen sich in den Dörfern und Slums in kleinen Gruppen. Das ist für die Mädchen neu: Jetzt tauschen sie sich gegenseitig ihre täglichen Probleme und Sehnsüchte aus. Sie haben Halt in der Gruppe und treffen ihre Freundinnen regelmäßig. Sie werden von den Streetworkern der Frauengruppen über Sexualität, Verhütung, Hygiene usw. aufgeklärt. Sie haben jetzt mehr Chancen auf Schulbesuch und Ausbildung - vor allem weil ihre Mütter jetzt besser verdienen und sie nicht mehr mitarbeiten müssen. Außerdem organisieren die Mädchen Protest-Aktionen für die Verbesserung der Zustände in den Slums oder führen Theaterstücke auf, in denen die Unterdrückung der Hausangestellten nachgespielt wird. Man merkt: Sie sind Freundinnen und sind sich der Hilfe und Unterstützung der anderen sicher!
2. Projektbesuch: Der ehemalige Polizei-Komissar Paul Sunder Singh leitet das Straßenkinder-Zentrum für Jungen „Karunalaya“. Er kennt die Strasse, das Leben in den Slums und die Probleme der zahllosen Jungs, die auf der Strasse leben: Sie haben keine Familien mehr, sind von zuhause weggelaufen, weil sie von ihren Vätern geschlagen oder zum harten Arbeiten gezwungen wurden. Manche von ihnen haben ihre Familien während einer Bahnfahrt einfach auch nur verloren.
Einige Sozialarbeiter gehen durch die Strassen und versuchen die Jungs von der Strasse zu holen. Singh: "Bei Jungs, die gerade erst auf der Strasse gelandet sind, ist es wichtig, sie so schnell wie möglich da wegzuholen, damit sie nicht in Gangs landen und weiter abrutschen."
Die Aufgabe der Sozialarbeiter ist es außerdem, weggelaufene oder verloren gegangene Jungs, die wieder in die Familien wollen, zurückzubringen. „Das ist häufig nicht einfach, die Familien zu finden, da viele Kinder nicht die genaue Adresse kennen, aber bislang haben wir die meisten wieder zurückbringen können“ so Singh, der noch gute Kontakte zur Polizei und zu Behörden hat. Karunalaya bietet in 2 verschiedenen Häusern Schutz für die Jüngeren von ihnen bzw. eine Anlaufstelle für die älteren Jungs.
Als wir am Nachmittag in einen Slum fahren, merken wir die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Slums bestehen: Zwar gibt es hier keinen stinkenden Fluss, die Lebenssituation der Familien ist aber eine völlig andere: Die Hütten sind so klein, das lediglich das wenige Hab und Gut der Familien dort verstaut werden kann, eine Familie mit 2 oder 3 Kinder kann unmöglich darin schlafen. Das komplette Leben spielt sich auf der Strasse ab: Die Alten sitzen vor den Hütten, die Mütter waschen und kochen im Freien.
Abends legen sich die Familien vor ihre Hütten und schlafen draußen, dabei hat jeder seinen festen Platz. Aber auch hier: Die Frauen und Mädchen sind organisiert und helfen einander, wo sie können. Sie sparen gemeinsam in den Gruppen: Jeder gibt z.B. 50 Rupies (ca. 80 Cent) im Monat, sodass sich nach einigen Monaten Summen ansammeln, von denen gemeinsam etwas angeschafft wird.
Die Frauen in den Gruppen können sich von dem Angesparten auch etwas leihen, zum Beispiel für einen dringenden Arztbesuch oder das Schulgeld für die Kinder. Auch hier versuchen die Frauen, mit einem kleinen „Business“ zusätzlich an Geld für die Familien zu kommen. Wenn die Spargruppen bestimmte Kriterien erfüllen (zum Beispiel eine korrekte Buchführung), können sie ein gemeinsames Bankkonto eröffnen oder sogar zusätzlich günstige Kredite bei einer öffentlichen Bank beantragen. Der Mini-Laden konnte mit einem kleinen Kredit eröffnet werden.
Das Bild ist nicht verschwommen, die Luft ist staubig! Früher haben hier unter diesen unwürdigen Bedingungen sogar Kinder geschuftet. Unsere Partnerorganisation „Cholai“ hat es in wenigen Jahren geschafft, die Kinder von der Arbeit zu befreien und ihnen den Kindergarten- oder Schulbesuch zu ermöglichen. Auch hier haben sich Frauengruppen gebildet und viele der Frauen konnten sich durch Kleinkredite aus den Gruppen selbständig machen. Tamma Bai hat sich nach 5 Jahren Arbeit im Steinbruch eine Kuh gekauft und verdient nun vom Verkauf der Milch und durch Joghurt-Produktion mehr, als zuvor im Steinbruch. Brema verkauft jetzt Kleider und Stoffe im Bekanntenkreis und in den umliegenden Dörfern.
Die Schüssel mit Steinen wiegt zwischen 15 und 20 Kilo Mädchentötung ist rund um die Stadt Madurai eine gängige Praxis. Entweder werden die Mädchen bereits als Fötus abgetrieben, oder die Mädchen werden kurz nach der Geburt getötet. Grund für die Tötungen sind die hohen Mitgiftzahlungen, die die Eltern der Mädchen später an die Familien der Ehemänner zahlen müssen. „14 verschiedene Tötungsarten gab es es, bevor wir uns in Frauengruppen organisiert haben“, berichtet eine Frau aus einem der Dörfer. Noch 1992 kam auf 3 Jungen im Dorf nur 1 Mädchen, seitdem unser Partner ARD (Gesellschaft für ländl. Entwicklung) in den über 50 Dörfern Aufklärungsarbeit leistet, gibt es dort keine Mädchentötungen mehr. Allein seit 2004 sind in einem Dorf 200 Mädchen gerettet worden. Die Frauen unterstützen sich gegenseitig: „Hier wird jede Schwangere auf ihrem Weg begleitet und für jedes neugeborene Mädchen werden 2 Kokos-Palmen gepflanzt, nach 2 Jahren bekommen die Mädchen dann noch 3 Ziegen dazu. Die Erlöse aus der Ziegenmilch und den Kokosnüssen werden gespart und reichen für die spätere Aussteuer“. Mädchen sind jetzt wieder willkommen, sie spielen auf der Strasse und gehen zur Schule - wie die Jungen!
Ein Glück, dass diese Mädchen leben dürfen! Auf dem Land nahe Madurai liegt das „Golden Heart Zentrum“, ein 2004 von der Andheri-Hilfe finanziertes Berufs-Ausbildungszentrum. Im gesamten Haus ist die Dankbarkeit gegenüber Rosi Gollmann und der Andheri-Hilfe zu spüren. Im Eingangsbereich hängt ein Bild von Rosi Gollmann, daneben mehrere Tafeln zu ihren Ehren.
Kumar (17) lernt KFZ-Mechanik, er kennt den Dieselmotor in- und auswendig.
Das habe ich von der Reise mitgenommen: Ich bin dankbar, soviel positive Veränderung erlebt zu haben! Georg Witzel, Referent für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
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