
Das Gesetz zur Anerkennung von Waldrechten ist ein Meilenstein für die Ureinwohner Indiens, die Umsetzung ist jedoch eine große Herausforderung.

Vier Jahre lang hatten zivilgesellschaftliche Gruppen in Indien - insbesondere Organisationen der Ureinwohner - mit großem Engagement für ein neues Gesetz zur Anerkennung ihrer Waldrechte (forest bill) gekämpft und kontinuierlich politische Lobbyarbeit geleistet. Die Verabschiedung der Gesetzesvorlage durch das nationale Parlament im Dezember 2006 war ein Meilenstein für die Stammesangehörigen sog. Adivasi sowie andere traditionelle Waldbewohner. Es ist eine entscheidende Voraussetzung zur Sicherung ihrer Lebensgrundlagen und Ernährung. Damit wurde endlich eine in der Kolonialzeit begründete Ungerechtigkeit an diesen Bevölkerungsgruppen korrigiert. Unzählige Adivasi wurden in der Vergangenheit aus ihren angestammten Waldgebieten vertrieben. Sei es durch so genannte Entwicklungsprojekte wie den Bau von großen Staudämmen, den Abbau von Bodenschätzen oder die Konkurrenz durch Siedler. Oft wurden die Ureinwohner unter dem Vorwand des Naturschutzes von Forstbehörden und anderen Lobbygruppen gezwungen, ihr Land zu verlassen, nicht selten gewaltsam. Die wertvollen Waldressourcen wurden dann gewinnbringend von anderen genutzt.
Das neue Gesetz garantiert jetzt nicht nur den offiziell anerkannten Stammesangehörigen (sog. Scheduled tribes) sondern auch anderen Bevölkerungsgruppen, die traditionell in und von Waldgebieten leben (wie z.B. nomadische Viehhalter), einen Anspruch auf Landrechte und die nachhaltige Nutzung von Waldressourcen. Den Dorfgemeinden wurde die Autorität über die Wälder übertragen, die sie traditionell genutzt und erhalten haben, damit sie diese weiterhin schützen und verwalten können. Die Dorfversammlung "Gram Sabha" entscheidet in Anhörungen über Rechte und Nutzung. Auch die Rechte von Frauen werden gestärkt. Landtitel werden in Zukunft gemeinsam für Ehemann und -frau vergeben. Und das neue Gesetz soll Vorrang vor anderen im Widerspruch stehenden Gesetzen haben, die die Lebensgrundlagen der Waldbewohner bedrohen.
Unsere Partnerorganisation Rajpipla Social Service Society, die im westindischen Bundesstaat Gujarat seit Jahrzehnten für die Rechte und Organisation von Adivasi eintritt, hat die Basisorganisationen der Adivasi bei ihrem Kampf um Waldrechte mit größtmöglichem Einsatz unterstützt. Zahlreiche Anhörungen, Kampagnen, Sitzstreiks und politische Lobbyarbeit zur Formulierung und Durchsetzung des neuen Gesetzes fanden auf Bundesstaats- und nationaler Ebene statt.
Und die Arbeit geht weiter. Mit Erlass des Gesetzes sind die Schwierigkeiten für die Adivasi noch keineswegs zu Ende. Mangelndes Wissen, Desinteresse und Korruption führen dazu, dass das fortschrittliche Gesetz nicht ausreichend umgesetzt wird. Es werden Unterlagen gefordert, für die es keine gesetzlichen Grundlagen gibt. Berechtigte Ansprüche werden ohne Nennung von Gründen zurückgewiesen. Anträge auf gemeinschaftliche Nutzungsrechte werden grundsätzlich abgelehnt. Die wichtige Rolle der von Vertretern der Bevölkerung gegründeten (wie im Gesetz vorgesehenen) „Forest Rights Committees“ wird systematisch übergangen. Daher ist nicht nur die direkte Dorfarbeit von Bedeutung, sondern auch die Lobbyarbeit gemeinsam mit anderen engagierten Organisationen in Gujarat und ganz Indien.

Verschiedenste Maßnahmen werden systematisch geplant und umgesetzt, um die Rechte der Adivasi zu stärken. In Workshops, an denen alleine im Jahr 2010 ca. 15.000 Ureinwohner teilnahmen, werden die Adivasi über ihre Rechte aufgeklärt und ihre kulturelle Identität gestärkt. Auch mit ca. 200 Theateraufführungen konnte die Bevölkerung erreicht werden und ein selbst produzierter Adivasi Kalender mit wichtigen Informationen zu Rechten und Gesetzen wurde 22.000 mal verkauft. Es bestehen neun Rechtshilfebüros, in denen pro Jahr ca. 20.000 Hilfesuchende professionell betreut und bei der Sicherung ihrer Landrechte unterstützt werden. Die Adivasi aus dem Projektgebiet beteiligen sich mit eigenen Mitteln an zahlreichen Protesten, um Druck auf die Regierungsverantwortlichen auszuüben.
Trotz aller Schwierigkeiten konnte bereits viel erreicht werden und die Organisation der Adivasi (abgekürzt JAMS) nimmt an Mitgliedern, Wissen und Fähigkeiten zu. Sie erfahren: gemeinsam sind sie stark, und sie kämpfen weiter um ihr Land! Das Land, das sie und ihre Vorfahren schon seit Generationen bewohnen, bearbeiten und das ihnen die Grundlage zum Überleben bietet, darf ihnen nicht länger genommen werden! Gerne unterstützt die Andheri-Hilfe weiterhin die wichtige Projektarbeit der Rajpipla Social Service Society.
Barbara
von Hillebrandt-Jung
Projektreferentin Südindien, Westindien
Tel: 0228/ 926 525 32
barbara.hillebrandt@
andheri-hilfe.org