„Gesundheit ist eine Investition, die allen nützt“
Interview mit Mashuda Khatun Shefali, Gründerin von NUK, Bangladesch
Seit über 30 Jahren kämpft die Menschenrechtsaktivistin Mashuda Khatun Shefali in Bangladesch für die Rechte von Frauen. Mit ihrer Organisation Nari Uddug Kendra (NUK) setzt sie sich besonders für die Gesundheit und Würde von Textilarbeiterinnen ein.
„Ich wollte keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern eine Bewegung“
Frau Shefali, was hat Sie dazu motiviert, NUK zu gründen?
Ich bin in einer ländlichen, konservativen Gegend Bangladeschs aufgewachsen. Frauen und Mädchen zählen dort weniger als Männer. Aber schon als Kind spürte ich: Ich wollte frei sein – schwimmen, auf Bäume klettern, rennen. Was für Jungen selbstverständlich war, galt für mich als beschämend. Doch ich kann mich glücklich schätzen, dass ich Eltern habe, die mich immer unterstützt und mir sogar den Besuch der Universität ermöglicht haben.
Als ich zur Universität ging, verbot der örtliche Imam meinem Vater sogar, die Moschee zu betreten – als Strafe dafür, dass er mir höhere Bildung ermöglichte. Ich schrieb ihm einen Brief, stellte Fragen – und er entschuldigte sich später. Das war für mich ein Schlüsselmoment: Ich erkannte, wie wichtig es ist, offen gegen Ungerechtigkeit zu sprechen. Mit NUK wollte ich keine Wohltätigkeitsorganisation gründen, sondern eine Bewegung. Eine Bewegung, in der Frauen nicht am Rand stehen, sondern im Mittelpunkt: als Handelnde, nicht als Hilfsbedürftige.
Augengesundheit – ein unterschätztes Problem im Textilsektor
Wie kamen Sie dazu, sich für die Augengesundheit von Textilarbeiterinnen einzusetzen?
2008, nach einer internen Studie, wurde uns klar, wie groß das Problem im Textilsektor ist: 92 % der befragten Beschäftigten litten unter unbehandelten Augenproblemen – von Fehlsichtigkeit bis hin zu grauem Star.
Viele dieser Frauen sind Näherinnen, die den ganzen Tag unter Neonlicht an der Nähmaschine arbeiten. Augenbrennen, Kopfschmerzen, unscharfes Sehen – all das war für sie Alltag. Aber medizinische Hilfe? Fast keine. Das war ein Weckruf. Wir begannen mit einfachen Sehtests und Augenuntersuchungen direkt in den Fabriken. Wir verteilten Medikamente und Brillen. Bald kam unser Krankenhaus in Kishoreganj hinzu, das Operationen und spezialisierte Behandlung anbietet. Daraus wurde ein umfassendes Programm, das heute in Fabriken, Slums und entlegenen Dörfern wirkt.
Welche Rolle spielt die ANDHERI HILFE?
Die ANDHERI HILFE ist seit 2015 unser wichtigster Partner – nicht nur durch Finanzierung, sondern als echte Wegbegleiterin. Mit ihrer Unterstützung konnten wir über 140.000 Menschen augenärztlich versorgen, darunter fast 47.000 Kinder.
Besonders wertvoll ist die Arbeit in den Fabriken: Jedes Jahr untersuchen wir über 3.000 Angestellte direkt am Arbeitsplatz. Für viele ist das der einzige Augenarztbesuch ihres Lebens. Wir verteilen Brillen, behandeln Infektionen, führen Operationen durch – oft kostenlos oder mit 50 % Preisnachlass für Textilarbeiterinnen.
Wie sieht ein typischer Tag im Leben einer Textilarbeiterin aus?
Die meisten Frauen stehen vor Sonnenaufgang auf, um in den überfüllten Gemeinschaftsunterkünften zu kochen und sich fertig zu machen. Die Küchen und Bäder sind oft für mehrere Familien gemeinsam – lange Wartezeiten sind normal.
Die Wege zur Arbeit sind lang, der Arbeitstag dauert 10 bis 12 Stunden – mit strengen Vorgaben, schlechter Belüftung und kaum Pausen. Nach Feierabend geht es weiter mit Kochen, Waschen, Kinderbetreuung. Für medizinische Versorgung bleibt keine Zeit – und kein Geld. Augenprobleme werden ignoriert, bis es zu spät ist.
Was passiert, wenn eine Arbeiterin Sehprobleme hat?
Viele schweigen aus Angst. Eine Brille zu tragen, gilt oft als Schwäche – manche befürchten sogar, entlassen zu werden. Es gibt Vorurteile, auch bei den Arbeitgebern: Wer krank wirkt, ist angeblich weniger leistungsfähig. Dabei sind die meisten Probleme – etwa Fehlsichtigkeit oder grauer Star – leicht behandelbar. Aber aus Scham oder Angst verzichten viele auf Hilfe, bis der Sehverlust unumkehrbar ist.
Wie reagieren Fabrikbesitzer auf Ihre Arbeit – sehen Sie einen Bewusstseinswandel?
Der Einsatz für Rechte war nie einfach. Als NUK 2002 begann, im Textilsektor soziale Standards einzufordern, galt das vielen Fabrikbesitzern als Bedrohung. Die Vorstellung, dass Arbeiter und Arbeiterinnen grundlegende Rechte haben, war für viele zu radikal.
Wir gaben nicht auf: Wir schulten Management, Gewerkschaften und Beschäftigte, entwickelten ein Modell zur Zusammenarbeit mit Fabriken und stellten es sogar dem Arbeitsministerium vor. Mit der Zeit änderte sich etwas – teils durch Druck internationaler Einkäufer, teils durch die Einsicht, dass gesunde und geschützte Arbeitskräfte ein Gewinn und kein Risiko sind.
Heute sind viele Fabriken offener für Gesundheitsprogramme, auch zur Augengesundheit. Dennoch bleibt der Weg lang: Es braucht einen Kulturwandel – Gesundheit ist eine Investition, die allen nützt.
„Boykott schadet – faire Partnerschaften helfen“
Was entgegnen Sie Menschen in Europa, die sagen: "Dann kaufen wir lieber keine Kleidung mehr aus Bangladesch"?
Das wäre ein schwerer Fehler – vor allem für die Frauen. Die Textilindustrie ist die Lebensader unseres Landes. Ein Boykott würde nicht die Fabrikbesitzer treffen – sondern die Näherinnen.
Nach der Tragödie von Rana Plaza (Beim Einsturz einer Fabrik starben 2013 mehr als 1.100 Menschen, 2.500 wurden verletzt.) hat internationaler Druck viel bewirkt und Leben gerettet. Die Frauen in Bangladeschs Textilfabriken fordern nicht, dass die Welt aufhört, dort einzukaufen – sie fordern faire Partnerschaften. Sie wollen, dass diejenigen, die die von ihnen genähte Kleidung kaufen, bessere Bedingungen von den Fabrikbesitzern verlangen und eine Lieferkette unterstützen, die Menschen ebenso wertschätzt wie Profit.
Mit Ihrer Spende an die ANDHERI HILFE schenken Sie Frauen in Bangladesch mehr als Augengesundheit – Sie geben ihnen Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben.
Hier können Sie direkt und sicher online spenden (Kennwort: Augenlicht schenken)...
Oder per Üerweisung an:
ANDHERI HILFE e.V.
Sparkasse KölnBonn
Kennwort: Augenlicht schenken
IBAN: DE80 3705 0198 0000 0400 06
BIC: COLSDE33


